
Papier
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Laudatio von Sylvia Bohn
Ausstellung: Papier und Druckgrafik: „In der Praxis“ (Dr. Neikes)
(Ausstellungsreihe des BBK Südbaden)
Es ist mir eine Ehre und eine große Freude nun an diesem Ort einige Worte zu den Arbeiten von Michael Ott zu sprechen. Es ist deshalb ein schöner und wichtiger Augenblick für mich, da ich vor einigen Jahren, genauer gesagt 1991, die ersten Berührungen zwischen Michael Ott und der mittlerweile ihn kennzeichnenden künstlerischen Arbeit miterleben und mitleben konnte und ich bis heute mit großem Interesse die weiteren Schritte beobachtet habe.
Viele von ihnen haben sehr wahrscheinlich aufgrund der Einladungskarte heute abend hierher gefunden. Nebenbei, kurz eingeschoben, aber deshalb nicht unwichtig, möchte ich darauf hinweisen, dass Sie mit dieser Einladungskarte ein Original in Händen halten und damit einen kleinen Repräsentanten der künstlerischen Arbeit, die Sie hier in diesen Räumen sehen können. Der eigentliche Grund, warum ich auf die Einladung zu sprechen komme, ist jedoch nicht ihr künstlerischer Wert, sondern zwei Worte, die dort zu lesen sind: "Papier und Druckgrafik". Was ist daran so ungewöhnlich, denken Sie jetzt vielleicht. Nun, die Grafik als einen, neben Malerei und Plastik, großen Bereich der Kunst und somit auch die Druckgrafik ist sicherlich jedem Kunstinteressierten ein vertrauter Begriff, der sofort bestimmte Vorstellungen und Bilder wachrufen wird.
Aber was bedeutet PAPIER! - Welche Assoziationen tauchen dabei auf? Papier, ein kaum mehr bestaunter alltäglicher Gebrauchsgegenstand, aber auch ein kulturell bedeutsamer Wissensvermittler und Informationsträger. Im Kunsthandwerk ein beliebter Werkstoff. Und für die Kunst? Welche Bedeutung hat Papier in diesem Bereich? In der Kunst hatte das Papier lange Zeit, bis zum 20. Jahrhundert, eine untergeordnete Rolle inne. Papier in der Kunst war nur Mittel zum Zweck, Träger anderer künstlerischer Medien und hatte als künstlerisches Gestaltungsmittel keine Bedeutung. Papier als Bildträger war prinzipiell austauschbar. Doch zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde Papier erstmals, damals in der Collage, als künstlerische Bildkomponente entdeckt. In den letzten Jahrzehnten fand eine Entwicklung statt, in der Papier immer mehr selbst künstlerisches Medium wurde.
"So wird Papier nicht nur als Träger anderer künstlerischer Medien benutzt, sondern ist künstlerisches Medium, das aus sich selbst heraus bestehen kann, das sich selbst reflektiert".
Vor diesem Hintergrund müssen die Arbeiten von Michael Ott gesehen werden. Welche Rolle genau spielt Papier hier?
In den Arbeiten von Herrn Ott hat Papier zwei verschiedene Funktionen:
1. Papier als Farbmasse
2. Papier als Bildträger, jedoch nicht in seiner ursprünglichen dienenden, untergeordneten Bestimmung.
Zuerst möchte ich den Aspekt Papier als Farbmasse näher ins Auge fassen. Papier als Farbmasse, als malerische Qualität, die ohne Bildträger präsentiert wird. Es wird keine Farbe aufgetragen, sondern hier ist das Papier selbst die Farbe, papierne Farbe, die für sich steht.
Kenneth Noland gebrauchte als erster bedeutender Künstler in den 70iger Jahren den farbigen Papierbrei wie Farbe. Er "malte" mit diesem Medium. Er selbst beschrieb es folgendermaßen: " Papier herzustellen ist in gewisser Weise direkter als Malen. Man kann seine Hände gebrauchen, ein Pinsel ist nicht notwendig. Den farbigen Grund kann man gleich haben, Die Form kann während der Fertigung bestimmt werden."
Das Arbeiten mit nassem Papierpulp spricht gegen das traditionelle Konzept von Papier als neutralem Grund.
Auch bei Michael Ott finden viele Arbeiten ihren Ausgangspunkt in der Papiermasse. Der Papierpulp wird mit der Hand aus einem Eimer auf ein Sieb aufgebracht und auch die Hände geben dem Brei seine Form, wobei sich der Künstler dem Rhythmus des Materials unterwirft; d.h.: Er passt sich der Eigenheit des Materials an und er korrespondiert mit ihm. Denn das Material zeigt seine Grenzen. Es fließt je nach Wasserzugabe verschieden schnell, es kann einreißen, ist beim Trocknen wetterabhängig usw. Der Künstler spricht von der ca. eine Woche dauernden Trocknungsphase, als ein "Sich-bewähren", als ein "Meditieren" der Arbeit selbst.
Beim Arbeiten mit Papierpulp lassen sich unendlich viele Möglichkeiten in den unterschiedlichen Dimensionen entdecken. Michael Ott arbeitet zweidimensional, in Anlehnung an die klassische Malerei, ist in seiner Gestaltung jedoch auf die Möglichkeiten, die das Material ihm bietet, angewiesen. Der Papierpulp lässt vor allem das großflächige Verarbeiten zu, weniger das Herausarbeiten feiner Umrisse wie in einer zeichnerischen Abbildung. Will man zeichnerische Elemente in die Arbeit einbeziehen, muss ein neues Medium eingebracht werden. Der Künstler verwendet hierfür Hanfschnüre, Getreidehalme, Erde. Die Hanfschnur z.B. als Linie entsprechend einer Bleistiftspur, die eine Zeichnung in bzw. auf das Papier setzt.
Dabei achtet der Künstler auch auf die Korrespondenz zwischen eingelegtem Material und Papiersubstanz. So wird eine Hanfschnur in der Arbeit (Nr. ?) in ein Hanfpapier eingelegt. Die der Papiermasse hinzugefügten Elemente sind alle der Natur entnommen: Hanf, Getreide, Erde, Kokus, Pflanzenteile. Durch das Hinzufügen verschiedener Naturelemente in den Papierbrei wird auch die haptische Qualität der Arbeit stark beeinflußt. So fühlen sich Hanfpapiere sehr weich, andere Papiere, in denen bestimmte Pflanzenteile verarbeitet wurden eher hart und rauh an.
Der haptischen Qualität kommt in den Arbeiten von Michael Ott eine große Bedeutung zu. Deshalb werden diese meist ohne Glas ausgestellt. Berühren ist erlaubt. Bei Papier kann die Oberflächenstruktur ganz bewußt gestaltet werden. Weich oder hart, stark zerklüftet mit viel Binnenstruktur, oder wenig zerklüftet und somit mit geringer Binnenstruktur. Für den Künstler ist es ein wichtiges Spiel mit der Oberflächenstruktur. Bei den Arbeiten im Wartezimmer und der blauen Arbeit im Treppenhaus lässt sich dieses Spielen leicht nachspüren.
Fragt man nach der bildnerischen Aussage, nach den Inhalten, den Motiven, so folgt der Künstler bei seiner Arbeit mit dem Papierbrei zwei unterschiedlichen Wegen. Geht er einmal von einer bestimmten Idee aus, so tritt er ein anderes Mal hinter das Papier zurück, beobachtet in einem nichts erwartenden Warten den Entstehungsprozeß, tritt in einen Dialog mit den dem Material innewohnenden Möglichkeiten und repektiert dessen Eigendynamik. Hierbei entstehen Arbeiten, die zu Projektionsflächen eigener Gedanken, zu Spielwiesen individueller Assoziationen für den Betrachter werden. Werfen wir hierzu einen Blick auf das rote Bild hinter Glas im Flur. Sicherlich lädt es dazu ein, sich in wilde Spekulationen über die Bedeutung, die dahinterstehende Aussage des Künstlers zu begeben. Für viele mag es eine innere Zerrissenheit signalisieren, es mag für manche Zerstörung, Durchdringung, für andere Verbundenheit bedeuten. Würden Sie es glauben, dass dem Künstler bei seiner Arbeit ganz einfach der Papierbrei ausgegangen ist und er sich im Dialog mit dem Material, diese neue Situation annehmend, auf einen anderen Weg begeben hat. Die Arbeit also nur ein Produkt des Zufalls, eine Laune des Materials? Ist es wichtig,dies zu wissen?
Geht der Künstler von einer bestimmten Idee aus, so kann diese dennoch im Entstehungsprozeß verworfen werden. Auch kann die ursprüngliche Idee des Künstlers vom Betrachter später nicht mehr erkannt werden. So wurden die rote Arbeit mit Figur im Wartezimmer und die blaue Arbeit im Treppenhaus von einer Zeichnung ausgehend weiterentwickelt: Ein Rundbogen ist hier bis auf die äußere Form abstrahiert. Die Genese als künstlerischer Prozeß ist wichtig für die Bildaussage, zeigt sich jedoch für den Betrachter selten offenkundig. Der Weg muss nicht zwingend verfolgt bzw. erkannt werden.
Papier als Malerei nimmt also einen wichtigen Platz in der Arbeit von Michael Ott ein. Jedoch, so der Künstler selbst, empfiehlt sich Papier ideal zum Drucken.
Papier demnach doch auch als Bildträger? Ein Träger von Druckgrafiken, jedoch nie völlig untergeordnet, sondern im Dialog mit der Bildaussage. In diesen Arbeiten fließt das Papier immer auch zurück in die Arbeit selbst, da es ganz bestimmte bildnerische Aussagen übernimmt. So ersetzt das Papier in einigen Arbeiten einen grafischen Vorgang, z.B. die Schraffur in einer Zeichnung, durch seine eigene Körperstruktur.
Beim Drucken der Radierungen auf weißes Industriepapier würde eine entscheidene Bildaussage fehlen. Hier steht zu Beginn das Papierschöpfen, also die Arbeit an der Bütte. Für den Künstler ein wichtiger schöpferischer Prozeß. Es entstehen Papiersorten, die unterschiedlich geeignet sind für die späteren Drucke. Hierbei ist die Interaktion zwischen Papier und Motiv sehr wichtig, was sehr schön bei der Arbeit Getreide in Ruhe und Getreide in Bewegung hier zu meiner Rechten zu erkennen ist. Auch bei dieser Arbeit ist Papier Bildelement. Das Motiv steht nicht vor dem, es tritt vielmehr in Dialog mit dem Papier.
So wie bei den Materialbildern in den unteren Räumen auch das Material genausoviel zählt wie das Motiv. Das Motiv ist in diesem Fall eine homogene Struktur. Die Materialbilder sind sowohl eigenständige Arbeiten, als auch Studien.
Am Ende meiner kleinen Einführung angekommen, bleibt zu sagen, dass alle Arbeiten von Michael Ott gegenständlich sind und sie alle das zentrales Thema dieser Ausstellung transportieren: PAPIER.
Schließen möchte ich mit einem Gedicht von Gerhart Hauptmann:
Das papierene Zeitalter
Ich bin Papier, du bist Papier, Papier ist zwischen dir und mir,
Papier der Himmel über dir, die Erde unter dir Papier.
Willst du zu mir und ich zu dir: hoch ist die Mauer von Papier!
Doch endlich bist du dann bei mir, drückst dein Papier an mein Papier:
so ruhen Herz an Herzen wir!
Denn auch die Liebe ist Papier und unser Haß ist auch Papier.
Und zweimal zwei ist nicht mehr vier,
ich schwöre dir,
es ist Papier.